[2]Als Impuls zum heutigen Herz-Maria-Sühnesamstag lesen Sie Auszüge aus der Predigt von S.E. Bischof Schreiber zum Fest Maria Himmelfahrt.
Die wahren Marienverehrer
Der heilige Papst Pius X. betont etwas ganz Bedeutendes: Die wahren Verehrer der allerseligsten Jungfrau Maria sind nicht ihre Bewunderer, sondern die wahren Nachahmer ihrer Tugenden. Wie also können wir Maria nachahmen, um zu wahren Marienverehrern zu werden?
Betrachten wir dazu besonders die drei göttlichen Tugenden: den Glauben, die Hoffnung und die Liebe Mariens.
Erstens: der Glaube.
Jesus brauchte den Glauben nicht, denn er schaute den Vater von Angesicht zu Angesicht. Auch hoffte er nicht auf ein noch ausstehendes Heil, denn er besaß die selige Gottesschau. Was folglich die Tugenden des Glaubens und der Hoffnung betrifft, so kann der Heiland uns hier nicht als Vorbild dienen. Maria hingegen schon. Maria besaß einen tiefen, unerschütterlichen Glauben. Nie konnte ein Zweifel in ihr Inneres dringen. Nichtsdestoweniger gab es in ihrem Leben auch Zeiten der Dunkelheit und des Widerspruchs.
Auf der einen Seite glaubte sie dem Engel Gabriel sofort, dass sie die Mutter Gottes sein werde. Gleichzeitig aber wollte sie Jungfrau bleiben. Sie glaubte, dass ihr Sohn auf dem Throne Davids sitzen werde. Sie musste aber in der heiligen Weihnacht schmerzlich zur Kenntnis nehmen, dass er in der Davidstadt Bethlehem nicht aufgenommen wird.
Maria weiß, dass Jesus Christus ewig herrschen wird. Gleichzeitig sieht sie, wie er am Kreuze stirbt. Was sieht sie mit ihren Augen? Einen Menschen, der von seinem Volk verworfen wird, der leidet und am Kreuze stirbt. Was glaubt sie aber? Dass dieser ihr Sohn der Messias, der Sohn Gottes ist und dass er ewig herrschen wird. Maria glaubt, obwohl alles, was sie sieht, scheinbar dagegen spricht.
Auch in unserem Leben gibt es Momente der Dunkelheit. Vielleicht plagen uns manchmal Glaubensschwierigkeiten. Vielleicht verstehen wir die gegenwärtigen Verhältnisse in der katholischen Kirche nicht. Vielleicht können wir nicht begreifen, warum der liebe Gott dieses oder jenes zulässt.
Dann wollen wir auf Maria schauen. Sie hat nicht deshalb geglaubt, weil sie alles verstanden hätte. Sie hat geglaubt, weil Gott gesprochen hatte und weil Gott weder sie noch uns täuschen kann.
Zweitens: die Hoffnung.
Maria glaubte nicht nur, sie hoffte auch. Was ist die Hoffnung?
Die Hoffnung erwartet von Gott das ewige Leben und die notwendigen Mittel, dieses zu erlangen. Sie gründet auf der Güte Gottes und auf seinen Verheißungen.
Gott hat uns das ewige Leben versprochen. Deshalb dürfen wir darauf vertrauen, dass er uns auch die notwendigen Gnaden schenken wird. Maria sah die Größe ihrer Aufgabe. Sie wusste, was Gott von ihr verlangte. Und sie wusste auch: Wenn Gott eine Aufgabe gibt, dann gibt er auch die Gnade, sie zu erfüllen. Darum sprach sie: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn.“
Darin sehen wir die große Hoffnung Mariens. Sie vertraut nicht auf ihre eigenen Kräfte. Sie fragt nicht: Wie soll ich das alles schaffen? Sie übergibt sich ganz Gott.
Und genau darin muss auch unsere Hoffnung bestehen.
Wir dürfen auf die Rettung unserer Seele hoffen. Nicht, weil wir aus eigener Kraft heraus vollkommen wären. Nicht, weil wir meinen könnten, wir hätten den Himmel verdient, sondern weil Gott gut und barmherzig ist und uns seine Gnade schenken will.
Wir beten so oft: Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns, jetzt und in der Stunde unseres Todes. Gerade diese letzten Worte sind wichtig: in der Stunde unseres Todes. Wir wissen nicht, wann diese Stunde kommt. Wir wissen nicht, welche Versuchungen uns noch erwarten. Wir wissen nicht, welche Prüfungen Gott noch über uns kommen lässt. Aber wir wissen, an wen wir uns wenden dürfen. Wir hoffen auf Gott und wir vertrauen Maria. Wir vertrauen auf Maria, mächtige Fürsprecherin und mütterliche Mittlerin aller Gnaden.
Drittens: die Liebe.
Zur theologischen Tugend der Liebe gehören sowohl die Gottes- als auch die Nächstenliebe. Ich möchte an dieser Stelle nur auf die Nächstenliebe eingehen.
Mit unserem menschlichen Auge fällt es uns nicht schwer, Fehler beim Mitmenschen zu entdecken. Der eine hat egoistische Tendenzen, ein anderer führt eher langweilige Unterhaltungen, ein dritter ist wenig sympathisch, der vierte ist süchtig und so weiter und so fort.
Wir sehen sehr schnell, was am anderen nicht stimmt. Aber der Glaube lässt uns tiefer schauen. Im Glauben sehen wir: Dieser Mensch ist ein Kind Gottes. Er ist ein Kind Mariens. Für diese Seele ist Christus am Kreuz gestorben. Auch Maria sah die Schwächen ihrer Mitmenschen. Sie litt wie wohl niemand von uns unter den Fehlern der Menschen. Aber sie sah hinter diesen Fehlern die unsterbliche Seele. Sie sah, was Jesus für diese Seele gelitten hatte. Jede gute Mutter macht es so. Sie gibt ihr Kind nicht auf. Nie. Sie leidet, sie betet, sie hofft, sie will ihr Kind um jeden Preis retten. Darin besteht gerade die echte Liebe.
Genauso müssen auch wir es tun. Wir müssen die Fehler des Nächsten nicht leugnen. Wir dürfen das Böse nicht gut nennen und nicht verharmlosen, was falsch ist. Aber wir müssen den Nächsten mit einer übernatürlichen Liebe lieben. Vielleicht sehen wir bei den Menschen immer wieder denselben Fehler. Vielleicht haben wir längst ein Urteil über ihn gebildet. Vielleicht fällt es uns schwer, ihm noch etwas Gutes zu wünschen.
Dann müssen wir lernen, mit den Augen Mariens zu sehen.
Nicht nur: Was ist dieser Mensch für mich? Sondern: Was ist dieser Mensch für Gott?
Er besitzt eine unsterbliche Seele, die Gott geschaffen hat. Eine Seele, die Christus mit seinem kostbaren Blut erkauft hat. Eine Seele, die Maria liebt und retten möchte.
Darum sollen wir die Fehler des Nächsten sehen, ohne ihn deshalb aufzugeben. Wir sollen für ihn beten, wir sollen ihm Gutes wünschen und wir sollen, soweit es an uns liegt, dazu beitragen, dass auch er den Weg zum Himmel findet. Maria ist uns nicht nur in den Himmel vorausgegangen, sie zeigt uns auch, wie wir dorthin gelangen können.
Sie zeigt uns den Glauben, wenn wir im Dunkeln stehen. Sie zeigt uns die Hoffnung, wenn wir unsere eigene Schwäche erfahren. Sie zeigt uns die übernatürliche Liebe, wenn uns der Nächste schwerfällt.
Maria ist unsere Mutter, unsere Herrin und unsere Fürsprecherin.
Maria nachahmen – Maria ähnlich werden
Wahre Marienverehrung erschöpft sich daher nicht darin, Maria zu bewundern, sie zu loben oder ihre Bilder und Feste zu lieben. Sie muss unser eigenes Leben verändern. Wer Maria wirklich liebt, der möchte ihr ähnlich werden: im Glauben, der auch in der Dunkelheit festhält; in der Hoffnung, die sich ganz auf Gott verlässt; und in der Liebe, die im Nächsten die unsterbliche, von Christus erlöste Seele erkennt.
Bitten wir daher die allerseligste Jungfrau, sie möge uns immer tiefer in ihre Schule aufnehmen. Möge sie unseren Glauben stärken, unsere Hoffnung bewahren und unser Herz mit jener reinen Liebe erfüllen, die in ihr vollkommen geleuchtet hat.
So werden wir immer mehr zu dem, was wir sein sollen: nicht nur Bewunderer Mariens, sondern ihre wahren Nachahmer und Kinder.