[2]Einen Monat nach der ersten Erscheinung kehrten die drei Seherkinder Lucia dos Santos sowie ihre Cousins Francisco und Jacinta Marto am 13. Juni 1917 zur Cova da Iria zurück. Maria hatte ihnen versprochen, an den folgenden Monaten jeweils am 13. Tag wiederzukommen. Während die Nachricht von den Ereignissen des Vormonats bereits viele Menschen bewegt hatte, sahen sich die Kinder zugleich wachsendem Misstrauen und Spott ausgesetzt. Dennoch folgten sie treu der Einladung der Gottesmutter und versammelten sich erneut zum Rosenkranzgebet.
Was geschah an diesem 13. Juni 1917?
Mit diesen Worten beschreibt Lucia ihre Erinnerungen an die zweite Erscheinung[1] [3]:
«Gerade als Jacinta, Francisco und ich mit einer Anzahl anderer Anwesenden den Rosenkranz fertig gebetet hatten, sahen wir wieder den Blitz; er reflektierte das Licht, das sich uns näherte. Im nächsten Augenblick erschien Unsere Liebe Frau auf der Steineiche, genau wie im Mai.
‚Was wünscht Eure Gnaden von mir?’, fragte ich.
‚Ich möchte, dass ihr am 13. des nächsten Monats wieder hierher kommt, dass ihr den Rosenkranz jeden Tag betet und, dass ihr lesen lernt. Später werde ich euch sagen, was ich möchte.’
Ich bat um die Heilung eines Kranken.
‚Sobald er sich bekehrt, wird er innerhalb eines Jahres geheilt sein.’
‚Ich möchte Sie bitten, uns in den Himmel mitzunehmen.’
[4]‚Ja, ich werde Jacinta und Francisco bald holen. Aber du musst noch eine Weile hier bleiben. Jesus möchte sich deiner bedienen, damit die Menschen mich kennen und lieben. Er möchte in der Welt die Verehrung meines Unbefleckten Herzens verbreiten. Jedem, der diese Verehrung bereitwillig annimmt, verspreche ich das ewige Heil. Diese Seelen werden Gott lieb sein wie Blumen, die ich selbst zum Schmuck seines Throns hinstelle.’
‚Muss ich hier allein zurückbleiben?’ fragte ich traurig.
‚Nein, meine Tochter. Hast du viel zu leiden? Verliere nicht den Mut. Ich werde dich nicht verlassen. Mein unbeflecktes Herz wird deine Zuflucht sein und der Weg, der dich zu Gott führt.’
Während Unsere Liebe Frau diese letzten Worte sprach, öffnete sie ihre Hände und zum zweiten Mal vermittelte sie uns die Strahlen dieses unendlichen Lichts. Wir sahen uns selbst in dem Licht, sozusagen versunken in Gott. Jacinta und Francisco schienen in dem Teil des Lichts zu sein, das sich zum Himmel erhob und ich in jenem, das auf die Erde ausgegossen wurde.
Vor der rechten Handfläche Unserer Lieben Frau erschien ein Herz, das von Dornen umringt war, die es durchstachen. Wir begriffen, dass es das Unbefleckte Herz Mariens war, beleidigt von den Sünden der Menschheit und nach Wiedergutmachung verlangend.»
Schon bei der ersten Erscheinung hatte Maria den Kindern den Himmel versprochen. Gleichzeitig bat sie sie, bereitwillig Leiden für die Bekehrung der Sünder auf sich zu nehmen. Die Kinder antworteten mit einem großherzigen Ja.
Für Lucia, die Älteste der drei Seherkinder, begann damit zugleich eine Zeit großer Prüfungen, zunächst vor allem innerhalb der eigenen Familie.
Pater Stehlin beschreibt die Bedrängnis des zehnjährigen Mädchens:
[5]Ihre Mutter war überzeugt, dass sie Lügen erzählte und versuchte sie mit Schlägen und beissendem Spott zur Vernunft zu bringen. Das friedliche Familienleben war für immer zerstört und wurde ersetzt durch das schreckliche Gefühl, nicht verstanden zu werden. Lucia wurde zum „schwarzen Schaf“ der Familie, eine Schande und Demütigung für jedermann. Und das geschah mit dem feinfühligen Herzen eines zehn Jahre alten Kindes!
„Ich wurde überschüttet mit Bitterkeit. Ich konnte sehen, wie meine Mutter zutiefst verzweifelt war und mit allen Mitteln versuchte mich zu zwingen, zuzugeben, dass ich lüge. Ich wollte ihr so gerne gehorchen, ihren Wunsch erfüllen, doch dann hätte ich lügen müssen. Von klein auf hatte sie ihren Kindern eine grosse Abscheu vor dem Lügen beigebracht und züchtigte jeden von uns, wenn er eine Unwahrheit sagte.“
„Meine Schwestern, meine Mutter, überall um mich herum war die Atmosphäre geprägt von blankem Hohn und Verachtung. Ich dachte an vergangene Zeiten und fragte mich: «Wo ist all die Zuneigung jetzt, die meine Familie erst vor einer so kurzen Zeit noch für mich hatte?»
Mein einziger Trost war es, vor Gott zu weinen, als ich ihm mein Opfer darbrachte.“[2] [6]
Das unbefleckte Herz Mariens – Weg zu Gott
[7]Eine Mutter will ihre Kinder retten. Dafür ist ihr kein Opfer zu groß. Wenn alles andere nicht mehr hilft, schenkt sie selbst ihr Kostbarstes und Innerstes: ihr Herz.
Maria ist jedoch keine hilflose Mutter. Ihr Herz birgt die Fülle der Gnaden, die Gott ihr geschenkt hat.
Was dieses Unbefleckte Herz zu wirken vermag, wenn Menschen darauf mit Großherzigkeit antworten, zeigt sich eindrucksvoll im Leben der Fatimakinder. Selbst Gefängnis und die Drohung mit dem Feuertod konnten die Kinder nur zwei Monate später nicht davon abbringen, den Auftrag der vornehmen Dame vom Himmel treu zu erfüllen. Obwohl ihnen das Geheimnis von Fatima anvertraut worden war, bewahrten sie es selbst angesichts der Todesdrohung.
Jacinta sollte wenige Jahre später, noch keine zehn Jahre alt, fern ihrer Familie in einem Krankenhaus in Lissabon sterben. Bis zuletzt blieb sie dem Ruf treu, den sie in Fatima vernommen hatte.
Maria sucht Menschen, die ihre Liebe erwidern und durch Gebet, Opfer und Treue dazu beitragen, dass viele Seelen den Weg zu Gott finden.
Die Fatimakinder haben diesen Ruf verstanden. Obwohl sie noch jung waren, nahmen sie die Bitten der Gottesmutter mit erstaunlichem Ernst an. Indem Jacinta, Francisco und Lucia auf ihren Ruf antworteten, wurden sie selbst zu Werkzeugen dieser mütterlichen Liebe. Ihre Bereitschaft, Leiden auf sich zu nehmen und Opfer darzubringen, war keine bloß menschliche Leistung, sondern eine Frucht der Gnade, die aus dem Unbefleckten Herzen Mariens strömt.
So zeigt ihr Leben, dass die Verehrung des Unbefleckten Herzens Mariens nicht bei schönen Worten oder frommen Gefühlen stehen bleibt. Sie führt zu einem Leben der Hingabe, des Gebets und der Treue zu Gott. Die Fatimakinder wurden zu lebendigen Zeugen jener Verheißung, die Maria Lucia an diesem Tag gab:
„Mein Unbeflecktes Herz wird deine Zuflucht sein und der Weg, der dich zu Gott führt.“
[1] [9] Pater Stehlin Faima – Leitstern für die letzten Zeiten S.75
[2] [10] P. Stehlin S.72
Bildquellen:
https://fsspx.de/de/news/das-unbefleckte-herz-mariens-das-meisterwerk-gottes-22217
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/ac/L%C3%BAcia_Santos_%28ChildrensofFatima%29.jpg
m-i.info/de/fatimabotschaft-13-juli-1917
