Marias Anteil an Jesu Ölbergstunde
In der Nacht von Gründonnerstag beginnt nicht nur das Leiden Christi – auch das Herz Maria tritt in ein verborgenes, tiefes Mitleiden ein. Während Jesus Christus im Garten von Gethsemane ringt, wacht sie im Gebet, einsam – doch innerlich vereint mit seinem Opfer.
Ein Blick auf das stille, verborgene Mitwirken Mariens im Erlösungswerk: ihr Wissen, ihr Leiden, ihr „Fiat“ in der dunkelsten Stunde.
Lesen Sie mehr über das geheimnisvolle Mitleiden der Mutter Gottes und ihre Rolle an der Seite ihres Sohnes im folgenden Betrachtungstext aus dem Buch „Betrachtungen zum Rosenkranz“ (erhältlich im Sarto-Verlag).
Wusste Maria vom Leiden?
Ob sie von seinem Leiden wusste? Jesus verlieh zahlreichen Heiligen späterer Zeiten die Gnade seine Todesnot mystisch mitzuleiden. Freilich von ferne nur und wie im schwachen Abbild. Sollte er Maria, der Mutter und Miterlöserin der Menschheit, diese Gnade verweigert haben? Uns scheint es nicht wahrscheinlich. Allein beweisen können wir es nicht. Sicher besaß sie Kenntnis von Jesu Gang nach dem Ölberg und allem, was sich zuvor zugetragen hatte. Und das noch am Abend des Gründonnerstags. Das war für sie genug, sie wusste, was nun bevorstand.
Marias innere Vorbereitung
Sie war ja auf das schreckliche Ende Jesu ganz anders vorbereitet als die Jünger. Das Wort Simeons bei der Darstellung im Tempel, das Vorspiel von Golgotha in Jerusalem zwölf Jahre später, wirkten in der stillen Zeit von Nazareth unaufhörlich in ihr weiter und machten ihre Seele immer stärker, das Unabwendbare zu ertragen. Die Predigt Jesu vollendete dann, was an dieser Vorbereitung noch fehlte. Wie ganz anders nahm ihr Ohr die verborgenen Andeutungen seines Opfertodes aus seinen Reden und Gleichnissen auf als das der Apostel, die in ihrer irdischen Messiasvorstellung darüber hinweghörten! Wie viel tiefer als sie erfasste Maria das Bild vom sterbenden Saatkorn, vom Hirten, der sein Leben hingeben muss für seine Schafe, die Parabel von den bösen Winzern, die über den Sohn und Erben herfallen werden, um ihn zu töten! Und wie hafteten solche Worte in ihrer beschaulichen Seele und wurden ihr zum Gegenstand immer neuer Betrachtung!
Das Herannahen der Entscheidung
Nein, Marias hellsichtiges Auge hatte längst schon erkannt, dass Jesu Schicksal der Entscheidung zutrieb. Der steigende Hass und Widerstand der Pharisäer und Schriftgelehrten, der Abfall des Volkes, der bis in die Reihen der Jünger griff, deuteten klar darauf hin. Der Ernst der Gerichtsreden Jesu in den letzten Tagen, die alle in einen letzten warnenden Appell an das Gewissen des Volkes und der Führer ausklangen, die immer neu wiederholten Voraussagen seines Leidens, machten es Maria vollends zur Gewissheit, dass es sich nur noch um eine ganz kurze Frist handeln könne, bis ihr Sohn der Gewalt seiner Feinde ausgeliefert wurde. Darüber täuschte sie auch der triumphale Einzug in Jerusalem nicht hinweg. Denn sie durchschaute nur zu klar die diabolische Hartnäckigkeit, mit der Jesu Gegner ihr dunkles Ziel verfolgten; auch waren ihr seine Tränen über die letzte versäumte Gnadenstunde Jerusalems nicht verborgen geblieben.
Maria beim letzten Abend
Ob sie heute Abend der Einsetzung der heiligen Eucharistie beigewohnt, vielleicht sogar den Leib des Herrn, den sie einst in ihrem jungfräulichen Schoß gebildet, als erste in sakramentaler Gestalt aus seiner Hand empfing, wissen wir nicht. Es spricht manch guter Grund dafür. Sicher ist, dass sich Maria um die Osterzeit in Jerusalem befand. Da sie zum Halten des Passahmahles verpflichtet war, ist es mehr als wahrscheinlich, dass sie entweder im Abendmahlssaal – abgesondert mit den übrigen Frauen – oder in einem anstoßenden Gemach an der Paschafeier und der daran anschließenden Eucharistie teilnahm. Wer sollte auch ein größeres Anrecht auf das eucharistische Sakrament haben als sie, die Jesus überhaupt erst die Möglichkeit gab, der Welt sein Fleisch und Blut als Nahrung zu schenken? Und wer bedurfte für die nächsten Stunden dieser Stärkung mehr als wiederum sie, der von allen der schwerste Anteil an Jesu Leiden zugefallen war? Allein Sicherheit darüber besitzen wir nicht. Auf jeden Fall erfuhr Maria durch die Apostel, dass Jesus an diesem Abend sein bevorstehendes Opfer bereits als geheimnisvoll vollendete und vollzogene Tatsache in die eucharistischen Gestalten hineingebannt hatte, dass er sich den Seinen in der Form des schon im Tode gebrochenen Leibes und des schon in der Leidenskelter ausgepressten Blutes geschenkt hatte. Die symbolische Vorausnahme seines Todes rief nun unerbittlich nach der Erlösung. Als er dann außerdem noch dem Petrus ausdrücklich erklärte: „Noch heute Nacht, ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen“ (Mk 14,30), gab es keinen Zweifel mehr. Doch während die Apostel allen diesen Vorgängen und Worten hilflos und wie betäubt gegenüberstanden, war es für Maria klar, dass Jesus nun in „seine Stunde“ eingetreten war.
Marias Einsamkeit
Als die Jünger mit Jesus nach dem Ölberg zogen, blieb sie allein im Abendmahlsaal zurück. Es wird uns nicht berichtet, ob er von ihr Abschied nahm. Jedenfalls zweifelt sie keinen Augenblick daran, dass er in den Tod ging. Damit nahm auch ihr Leiden seinen Anfang. Während Jesus unter den alten Bäumen des Ölbergs Todesangst leidet, ringt Maria einsam im Gebet. Und ihre Seele erbebt unter dem Schreckensvollen, das sie über ihn hereinbrechen sieht, mehr als wenn es über sie selber hätte kommen sollen.
Marias inneres Leiden
Auch vor ihr türmt sich die Menschenschuld ins Riesenhafte auf, die zu sühnen sie jetzt ihr liebstes Kind in einen schauervollen Tod dahingeben muss. Und es ist ihr, als wenn sich diese Schuld an sie selber zu heften begänne, als ob es ihre eigene wäre. Denn es ist ja die Sünde ihrer Kinder, mit der beladen sie jetzt als zweite Eva zusammen mit ihrem Sohn vor den zürnenden Vater treten muss. Eine Bangigkeit ohnegleichen befällt ihr Herz. Sie durchlebt mit ihm die Einsamkeit seiner Ölbergsnacht. Sie fühlt, wie der Vater auch sie, seine erstgeborene Tochter, nicht mehr kennen will, weil sie sich mit ihrem Sohn zur „Schuldigen“ der ganzen Menschheit gemacht hat. Und wenn in dieser Stunde selbst den starken Schultern des Gottmenschen die Erlöserlast zu schwer zu werden droht, sollte es ihr, der Miterlöserin, anders ergangen sein, ihr, die doch nur ein schwacher Mensch war? Nein, auch sie musste sich jetzt ihr Stehen zu der Aufgabe, die sie in Nazareth übernommen hat, in schwerem innerem Kampf abringen. Ein Kampf, der an Härte einzig von dem ihres Sohnes übertroffen wird.
Das gemeinsame Ringen
Nicht nur jenseits des Kedrontales, auch im Abendmahlsaal ringt jetzt eine einsame Seele in Todesnot um das Heil deiner und aller Menschenseelen. Eine Not, für die uns alle Menschenmaße fehlen. Draußen fließt Gottesblut für deine Sünde zur Erde, hier fließen die Tränen deiner Mutter. Hier wie dort dringt der Angstschrei zum Himmel empor: Vater, wenn es möglich ist, lass die furchtbare Stunde an uns vorübergehen! Doch hier wie dort beugen sich auch zwei Herzen in gleicher demütiger Unterwerfung unter den Willen des Vaters, der auf ihrem Opfer besteht: Nicht unser Wille geschehe, sondern der deine! Fiat voluntas tua.
Es ist der Abendglockenklang der Erlösung, der mit dem Klang der Morgenglocke zusammenklingt, die einst in Nazareth die Welterlösung eingeläutet hat:
Fiat mihi secundum verbum tuum. Mir geschehe nach deinem Wort.
Textquelle:
Dominik Thalhammer S.J., Betrachtungen zum Rosenkranz, SARTO-Verlag, S.157ff
Bildquelle:
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File:Matteo Desiderato Mater Dolorosa.jpg – Wikimedia Commons
File:Cornelis van Poelenburch – Mater dolorosa – 5040 – Bavarian State Painting Collections.jpg – Wikimedia Commons




